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Wednesday, October 5, 2011

Sie haben gerade Ihr Kind gebrochen. Glückwunsch. (von Dan Pearce)

The original blog post
"You just broke your child. Congratulations."
by Dan Pearce (Single Dad Laughing)
can be found here.

I made this translation for German speaking readers
because Dan's powerful message
needs to be heard in only German speaking countries, too.

Dan's blog website is one of the most
mind-blowing, intense and
emotionally touching as well as inspiring
and downright entertaining places
I ever found on the web.

If you haven't yet, please go and
discover, subscribe to, and read every single letter at



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Sie haben gerade Ihr Kind gebrochen. Glückwunsch.


Väter. Hört damit auf, Eure Kinder zu brechen. Bitte.

Ich fühle den Drang zu schreiben, nach dem, wovon ich gestern bei Costco Zeuge geworden bin. Bitte vergebt mir für noch einen weiteren Post, den ich aus dem Gefühl von Verzweiflung und Wut heraus schreibe. Bitte lest ihn ganz durch, bis zum Ende. Ich weiß, der Post ist lang, aber es geht um etwas, das GESAGT werden muss. Es ist etwas, das GEHÖRT werden muss. Es ist etwas, das GETEILT werden muss.

Als Noah [Dans kleiner Adoptivsohn; Anm. d. Übers.] und ich in der Warteschlange standen, um etwas umzutauschen, habe ich einen kleinen Jungen gesehen (er kann nicht älter gewesen sein als sechs), der zu seinem Vater aufschaute und sehr schüchtern fragte, ob sie ein Eis kaufen könnten, wenn sie hier fertig waren. Der Vater starrte wütend auf seinen Sohn hinab und grollte zwischen zusammengepressten Zähnen hervor, dass der Junge ihn "in Frieden lassen und Ruhe geben" solle. Der Junge duckte sich schnell gegen die Wand, wo er dann eine Weile lang bewegungslos und verletzt stand.

Die Warteschlange bewegte sich langsam vorwärts, und schließlich schlurfte der Junge zurück zu seinem Vater und summte eine Kinderlied vor sich hin; offenbar hatte er den Ärger vergessen, den sein Vater kurz zuvor gezeigt hatte. Der Vater drehte sich wieder zu ihm um und schimpfte den Jungen aus, weil er zu viel Lärm mache. Der Junge wich zurück und lehnte sich wieder gegen die Wand, in sich zusammengesunken.

Ich war aufgebracht. Ich war verwirrt. Wie konnte dieser Mann denn nicht sehen, was ich sah? Wie konnte er nicht sehen, was da für eine wunderschöne Seele in seinem Schatten stand? Wie konnte dieser Mann so schnell damit sein, alle Freude in seinem eigenen Sohn zu zerquetschen? Wie konnte dieser Mann nicht diese einzige Zeit wertschätzen, die er jemals haben wird, um für diesen Jungen dessen ein und alles zu sein? Jene Person zu sein, die für den Jungen am meisten auf der ganzen Welt bedeutet?

Es waren jetzt noch drei Leute vor uns, und der Junge kam wieder zu seinem Vater herüber. Sein Vater trat daraufhin sofort aus der Warteschlange heraus, presste seinen Finger gegen das Schlüsselbein des Jungen, bis dieser vor Schmerz wimmerte, und drohte ihm:

"Wenn Du jetzt noch ein einziges Geräusch machst oder noch einmal von der Wand da weg gehst, dann setzt es was, sobald wir nach Hause kommen!"

http://www.arizonachildphotography.com/
Der Junge duckte sich wieder an die Wand. Dieses Mal bewegte er sich nicht mehr. Er machte kein Geräusch. Sein schönes Gesicht schaute zu Boden, den Blick auf den Boden fixiert und ausdruckslos. Er war gebrochen worden. Und das war es, was dieser Vater gewollt hatte. Er wollte sich nicht mit ihm beschäftigen, und den Jungen zu brechen, war das einfachste Mittel dafür.

Und wir wundern uns, warum so viele Kinder vollkommen vermurkst heranwachsen.

Ich will jetzt mal ganz offen sein. Viele Leute sehen meine Beziehung zu Noah, und sie stellen mich dann oft auf ein Podest oder singen Lobeshymnen auf mich, weil ich ihn mehr liebe als die meisten Väter ihre eigenen Kinder lieben.

Verdammt noch mal … Ich begreife das nicht, und ich werde es niemals begreifen. Meinen Sohn zu lieben, meinen Sohn zu stärken, meinen Sohn zu berühren, mit meinem Sohn zu spielen, mit meinem Sohn zusammen zu sein … das alles sind Aufgaben, die nicht nur "Super-Väter" meistern können. Dies sind Aufgaben, die ein jeder Vater meistern sollte. Immer. Ohne Aussetzer.

An mir ist nichts besonderes. Ich bin ein Vater, der seinen Sohn liebt, und der sprichwörtlich alles tun würde für sein Wohlergehen, seine Sicherheit und seine Gesundheit. Ich würde mir eher einen Rechen ins Gesicht schlagen oder einen Vorschlaghammer auf den Fuß fallen lassen, als dass ich meinen Sohn fertig mache und dafür sorge, dass er sich klein und winzig fühlt.

(Seufzer) Ich bin weit davon entfernt, ein perfekter Vater zu sein. Und das wird immer so bleiben. Aber ich bin ein verdammt guter Vater, und mein Sohn wird sich immer größer fühlen als das, was das Leben ihm entgegenwerfen kann. Warum das so ist? Weil ich es kapiere. Ich verstehe, welche Macht ein Vater im Leben seines Kindes darstellt, und für das Maß, in dem ein Kind an sich selbst glauben kann. Ich kapiere, dass alles, was ich jemals tun und zu meinem Sohn sagen werde, von ihm aufgesogen wird — zum Guten, und zum Schlechten.

Was ich nicht kapiere ist, warum manche Väter dies nicht kapieren.

Väter. Beginnt Euer Gesicht zu leuchten, wenn Ihr Euer Kind am Morgen zum ersten Mal seht, oder wenn Ihr von der Arbeit heimkommt? Versteht Ihr denn nicht, dass das gesamte Wertegefühl eines Kindes sich darum drehen kann, was es in Eurem Gesicht sieht, wenn Ihr es an diesem Tag zum ersten Mal seht?

Väter. Erkennt Ihr nicht, dass ein Kind das ist, was Ihr ihm sagt, dass es ist? Dass die meisten Leute immer genau das werden, als was man sie einstuft?

War das, was Euer Kind getan hat, tatsächlich "das Dümmste, was Ihr jemals einen Menschen habt tun sehen"? War es wirklich "das Lächerlichste, was man nur tun kann"? Glaubt Ihr wirklich, dass Euer Kind ein Idiot ist? Denn genau das glaubt Eure Tochter jetzt. Denkt einmal darüber nach. Weil Ihr dies gesagt habt, glaubt sie jetzt daran. Bravo.

Väter. Erwartet Ihr ernsthaft, jemand glaubt Euch wenn Ihr sagt, dass Ihr nicht einmal zwanzig Minuten vom Computer weg könnt oder den Fernseher so lange abschalten, um mit Eurem Kind zu spielen? So etwas muss jeden Tag geschehen. Versteht Ihr denn nicht, dass Kinder einen ganzen Aspekt ihres Gefühls für Vertrauen daran aufhängen werden, ob Ihr Vater mit ihnen spielt oder nicht, und wie sehr er bei der Sache ist, wenn er mit ihnen spielt? Wisst Ihr, welchen Schaden Ihr anrichtet, wenn Ihr nicht jeden Tag mit Euren Kindern spielt?

Väter. Soll Euch wirklich jemand diese lächerliche Sicht der Dinge abkaufen, dass Zorn manchmal (oder sogar oft) notwendig ist? Versteht Ihr denn nicht, dass Zorn eine Emotion für Leute ist, die andere kontrollieren wollen, während sie im selben Moment nicht in der Lage sind, sich selbst unter Kontrolle zu halten? Wisst Ihr denn nicht, dass es unglaublich gute Bücher gibt, die Euch bessere Methoden beibringen können?

Und am allerwichtigsten:

Seht Ihr denn nicht, mit welch beängstigender Geschwindigkeit Euer Kind innerlich vernichtet wird und gefügig wird, wenn Zorn Euer Handeln bestimmt? Seid Ihr so bar jeden Gefühls für das Leuchten in der Seele Eures Kindes, dass es Euch nicht augenblicklich Qualen bereitet zu sehen, wenn es in Eurer Gegenwart zusammenzuckt oder sich versteckt?

Ist es wirklich das, was Ihr von Eurem Kind wollt? Dass es Euch fürchtet?

Väter. Erkennt Ihr denn nicht, dass Euer Kind es braucht, Eure Haut an der seinen zu spüren? Versteht Ihr denn nicht diese unglaubliche und kraftvolle Bindung, die ein Haut-an-Haut-Kotakt mit Eurer Tochter Euch geben wird? Begreift Ihr die dauerhaften geistigen Verbindungen nicht, die entstehen, wenn Ihr den nackten Rücken Eures Sohnes oder den Bauch Eurer Tochter streichelt, während Ihr eine Gutenacht-Geschichte erzählt?

Und wenn jetzt irgend ein Idiot daher kommt und sagt, dass sich so was nicht gehört, dann bekommt er ein paar ins Gesicht — die erste fängt er sich gleich von mir ein. Euer Kind zu berühren ist Eure Pflicht als Vater.

Väter. Wacht auf! Diese kostbaren Seelen, die in Eure Obhut gegeben wurden, sind einzigartig und so unglaublich empfindsam. Alles, was Ihr sagt oder nicht sagt, wird Ihre Befähigung zu leben, ihren Erfolg und ihre Fröhlichkeit beeinflussen, und dies ein ganzes Leben lang. Erkennt Ihr denn nicht, dass Eure Kinder Fehler machen werden, und zwar eine ganze Menge davon? Und seht Ihr den Schaden nicht, den Ihr anrichtet, wenn Ihr Euren Sohn mit der Nase auf diese Missgeschicke stoßt, und dass Ihr so dafür sorgt, dass Eure Tochter sich wertlos vorkommt, wenn sie sich mal wo angestoßen oder etwas verschüttet hat?

Habt Ihr auch nur die geringste Vorstellung davon, wie einfach es anzustellen ist, dass Euer Kind sich erbärmlich fühlt? Es ist so einfach wie die Worte auszustoßen "Was soll denn das nun wieder?!", oder "Wie oft habe ich Dir denn schon gesagt dass …".

Lasst mich Euch Folgendes fragen:

Habt Ihr jemals in die geschwollenen Augen von Eltern geschaut, deren Kind gerade gestorben ist?
Ich habe das getan.

Habt Ihr jemals während der gesamten Beerdigung eines Kindes geweint?
Ich habe das getan.

Habt Ihr jemals eine Holzkiste berührt, in der ein Kind lag? Ein Grabmal für die Ewigkeit, aus dem niemals wieder ein Lachen oder ein Kichern ertönen wird?
Ich habe das getan.

Wenn Ihr eine Motivation bekommen wollt, um der beste Vater auf der Welt werden zu wollen, dann macht dies einmal durch. Ich bete darum, dass Ihr dies niemals tun müsst.

Väter. Es ist Zeit, unseren Kindern zu sagen, dass wir sie lieben. Andauernd. Es ist Zeit, unseren Kindern zu zeigen, dass wir sie lieben. Andauernd. Es ist Zeit, uns über ihre zwanzigtausend Fragen am Tag zu freuen, und über ihre Unfähigkeit, Dinge so schnell zu tun, wie wir dies gerne hätten. Es ist Zeit, uns zu erfreuen an ihren Eigenarten und ihren Tics. Es ist Zeit, uns an ihren Gesichtsausdrücken zu erfreuen, und an der Art, wie sie Worte falsch aussprechen. Es ist Zeit, uns an allem zu erfreuen, was unsere Kinder sind.

Es ist Zeit, aufzustehen und uns zu fragen, was wir tun können, um bessere Väter zu werden. Es ist Zeit, unsere Prioritäten auf Reihe zu bekommen. Es ist Zeit, heimzukommen und tatsächlich ein Vater zu sein.

Väter. Es ist Zeit, unseren Söhnen beizubringen, wie man eine Frau mit Respekt behandelt. Es ist Zeit unseren Töchtern beizubringen, wie behandelt zu werden sie von anderen erwarten sollen. Es ist Zeit, Versöhnlichkeit und Mitgefühl zu zeigen. Es ist Zeit, unseren Kindern Einfühlungsvermögen entgegenzubringen. Es ist Zeit, soziale Normen zu brechen und eine gesündere Art des Lebens zu lehren! Es ist Zeit, gute Rollenmodelle anzubieten und die unnötigen in den Müll zu werfen.

Ist es wirklich von Bedeutung, dass Dein Sohn die Farbe Rosa mag? Wird dadurch irgendjemand wehgetan? Siehst Du nicht den Schaden, den es anrichtet, einem Jungen zu sagen, dass etwas nicht stimmt mit ihm, weil er eine bestimmte Farbe mag? Sehen wir nicht den Schaden, den wir auslösen, wenn wir unsere Mädchen als "Wildfang" bezeichnen, oder unsere Jungen als "weibisch", nur weil sie ihre eigenen Vorlieben und Meinungen für gewisse Dinge haben? Über Dinge, die wirklich unwichtig sind?

Väter. Sprecht sanft mit Euren Söhnen. Sprecht in ruhigem Ton mit Euren Töchtern. Was wollt Ihr, das Eure Kinder werden sollen? Wollt Ihr, dass Euer Kind jenes Kind ist, das in der Schule immer allein sitzt, das keinen einzigen Freund hat und keinerlei Selbstvertrauen besitzt? Oder wollt Ihr, dass Euer Kind als Klassensprecher kandidiert und das Gefühl hat, dieses Amt wirklich zu verdienen? Sehen wir denn nicht, dass wir die Macht haben, unseren Kindern genau dies zu geben? Sehen wir denn nicht, dass wir die Macht haben, unseren Kindern die Werkzeuge an die Hand zu geben, die sie für das Überleben in dieser Gesellschaft brauchen?

Väter. Sehen wir nicht den Einfluss, den wir haben, wenn wir sagen, dass wir an eine Sache glauben und wenn uns unsere Kinder aber sehen, wie wir genau das Gegenteil davon leben? Erkennen wir nicht, wie wenig wir unsere Kinder dazu ermutigen, tatsächlich zu entscheiden, woran sie glauben, zu verkünden, woran sie glauben, und dann auch danach zu leben? Ganz egal, ob es nun um Religion geht, um Politik, Sport, oder um gesellschaftliche Normen.

Es steht uns nicht zu, unseren Kindern zu sagen, was sie denken sollen. Es ist unsere Aufgabe, Kindern beizubringen, wie Denken funktioniert. Wenn wir dies tun, dann müssen wir uns keine Sorgen machen darüber, was sie für sich selbst beschließen, und wie stark sie sich dann für diese Überzeugungen machen werden. Ein Mensch wird für seine Überzeugungen bis zum Tod einstehen — den Überzeugungen eines anderen Menschen folgen wird er jedoch nur so lange, bis er plötzlich in Scheiße tritt.

Verdammt noch mal, Väter. Jedes Kind hat das angeborene Recht, nach einem Eis zu fragen, ohne dass es dann dafür zur Schnecke gemacht und gebrochen wird. Jedes Kind hat das angeborene Recht, dies zu tun, ohne sich in einer Ecke zusammenkauern zu müssen, weil der Mann, der eigentlich der Held dieses Kindes sein sollte, in Wahrheit ein ganz ganz kleines Würstchen ist.

Jedes Kind hat das angeborene Recht darauf, fröhlich zu sein, zu kichern und zu lachen und zu spielen. Warum lasst Ihr das nicht zu? Jedes Kind auf der Erde hat das Recht auf einen Vater, der nachdenkt, bevor er etwas sagt — auf einen Vater, der die große Macht begreift, die er verliehen bekommen hat, um das Leben eines anderen menschlichen Wesens von Grund auf zu formen — das Recht auf einen Vater, der sein Kind mehr liebt als seine Fernsehshows oder seine Sportübertragungen — auf einen Vater, der sein Kind mehr liebt als seinen materiellen Müll — das Recht auf einen Vater, der sein Kind mehr liebt als seine eigene Zeit.

Jedes Kind hat einen Superheld als Vater verdient.

Vielleicht liegt der wahre Kern darin, dass viele Väter ihre Kinder nicht verdient haben.
Vielleicht liegt der wahre Kern darin, dass viele Väter überhaupt keine wirklichen Väter sind.

Ich bitte um Entschuldigung für die Hitzigkeit meines Posts. Ich glaube, ein Teil von mir fühlt sich als Feigling, weil ich nichts zu dem Mann vor mir in der Schlange bei Costco gesagt habe. Betrachtet diesen Post hier deshalb als meine Buße dafür.

Vielleicht fühlt ein Teil von mir: Wenn auch nur eine einzige Person von allen, die diesen Post lesen, daraufhin beschließt, ein besserer Vater zu werden, dann war dieser Post jede einzelne Sekunde wert, die ich gebraucht habe, um ihn zu tippen. Wenn ein einziges Kind ein besseres Leben haben wird, weil etwas in meinen Worten seinen Vater dazu angestoßen hat, sich mehr anzustrengen, dann war es jedes Quäntchen davon wert, wie viel ich Euch angebettelt und angefleht habe, diesen Post mit anderen zu teilen — und des Bettelns und Flehens habe ich mich definitiv schuldig gemacht.

Väter. Kinder sind Geschenke. Wir haben sie nicht bekommen, damit wir sie brechen und kaputt machen. Wir haben sie bekommen, um sie formen und aufzuziehen. Und deshalb steht gemeinsam mit mir auf und zeigt der Welt, dass es einen Haufen von guten Vätern gibt.

Dan Pearce
Single Dad Laughing — Pleading
(Alleinerziehender Vater, der normalerweise lacht, aber heute fleht)


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3 comments:

LenaKuschel said...

Ich habe meinen Vater nun seit 51 Jahren...und er war nicht immer der Beste...Er ging zur Arbeit - jeden Tag und er kam von der Arbeit. Auch jeden Tag. Er meinte wohl, es sei seine Aufgabe, der Strenge zu sein. - Obwohl manchmal dachte ich, dass es eher der Wunsch meiner Mutter war - dass er streng agierte. Ich erinnere mich gut an den Satz, den leider auch ich, zu meiner Kinderzeit, leider viel zu oft und leider jedes Mal, in tiefster Furcht aufnahm, um mich dann zu fürchten, bis ich endlich seinen Haustürschlüssel im Schloss hörte.Und wenn er dann kam und sich fragend umsah, mit der Frage im Gesicht: was ist hier wieder los? - sagte meine Mutter dann: Frag mal DEINE Tochter, warum sie nun auf DEINE Strafe wartet...Die Strafe war dann immer wochenlanger Stubenarrest, was für mich die allerschlimmste Strafe war. Eingesperrt sein und sich sehr, sehr schuldig fühlen. Ich denke, mein Vater hatte nicht mal verstanden, warum er nun der Bestrafer sein musste. Er tat es einfach, um des lieben Friedens wegen. - Um meine Mutter nicht noch mehr zu verstimmen.
Doch immer dann, wenn wir allein zu Hause waren, ohne meine geliebte Mutter, die grade in ihrer Heimat, oder in der Klinik war, immer dann kam mein "richtiger Papa" zum Vorschein. - Nett und großzügig, sehr fruedlich und ausgeglichen, zu jeder Schandtat bereit und mit einer Portion von Vatersein, wie er sie ansonsten, zu verbergen versuchte. Heute lebt mein Vater allein. Meine Mutter ist verstorben und nun muß er ganz alleine klar kommen...Er kommt bestens klar...so alleine. Er ist plötzlich ganz offiziell, ein Papa, wie ihn ein Mädchen sich wünscht. Er darf nämlich selbst entscheiden, was er für richtig hält und wen er wofür auch immer, zu bestrafen mag.Damals hätte ich nie gedacht, dass ich eines Tages, wenn unsere Haare beginnen, sich silbern zu färben, so gern zu meinem Vater fahre. Und so gern meine Freizeit ausgerechnet mit ihm verbringe.Ich bin davon überzeugt, dass die Mütter eine große Rolle spielen, wenn es um das gute oder schlechte Vatersein geht.Unsere Väter machen Fehler. Böse, böse Fehler. Doch die Mütter machen auch welche. Aber wer gibt das schon gerne zu?
Oft wird fehlerhaftes Verhalten auf die fehlerhafte Kindheit geschoben. Aber ist nicht grade das, ein wichtiger Grund, um es anders zu machen?

Dorothea said...

Ja, mein Vater war sehr früh weggegangen (Scheidung!). Als ich endlich ihn kennenlernen durfte, hatte er schon ziemlich bald eine neue Frau. Arbeit war immer wichtiger, als die Familie. Er war zwar da, aber irgendwie auch wieder nicht. Heute, ist er da, wenn ich ihn brauche, nimmt mich in den Arm, wenn ich es brauche. Wir sehen uns nicht sooo häufig, aber wenn, dann genieße ich es.

Truedantalion said...

Lena,
ich kenne dieses Konzept der "Über-Strafe" durch den Vater auch. Zu meinen Kinderzeiten hat meine Mutter das einige wenige Male angedroht, wenn ich gar zu doll über die Stränge zu schlagen drohte. Aber ich erinnere mich an kein einziges Mal, wo das dann auch tatsächlich passiert wäre.

Mein Vater war von früh bis spät unterwegs zum Arbeiten (Heizungskundendienst), und deshalb habe ich ihn nur selten zu sehen bekommen, als ich noch klein war - denn da muss man ja früh is Bett :-)!

Aber wenn er dann mal da war und Zeit hatte, dann war das schon was irgendwie echt besonderes, sowohl wenn wir was gespielt haben als auch wenn ich ihm was helfen sollte. Hat beides großen Spaß gemacht, und ich bin mit ihm später, wenn Ferien waren, dann auch zu seinen Kundendienst-Terminen mitgefahren, wenn er mal weiter weg musste und die Termine so gelegt hatte, dass er in der Gegend übernachten würde.

Das war immer eine Art Kurz-Urlaub "mit Aktivposten", sozusagen - wirklich cool, und: Nein, KEINE Kinderarbeit :-)!

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Doro,
siehe oben - viel Arbeit, selten da ... ich kenne das. Ich weiß noch, dass ich ganz zu Anfang in der Grundschule mal gefragt wurde, was mein Vater arbeitet - und ich wusste es nicht, denn ich habe ihn echt kaum zu Gesicht bekommen! Aber das nächste Mal habe ich ihn dann sofort gefragt :-)!

Wie gerade beschrieben: Ich konnte nicht so viel Zeit mit meinem Vater verbringen, aber wenn, dann war es echt "Quality Time".

Und obwohl mein Vater Ende 2006 gestorben ist, habe ich ihn in bester und liebevollster Erinnerung, denn ich weiß, wie viel vom Besten seines Wesens ich übernommen habe (gilt auch in Bezug auf meine Mutter!), und dafür bin ich echt dankbar.